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Homer verhindert stressbedingte Lernschwäche

Ein Mangel am Membranmolekül Homer-1 im Gehirn lässt Mäuse schlechter lernen

 

Vor Prüfungen oder in kritischen Situationen sollten wir besonders lernfähig und aufnahmebereit sein. Doch akuter Prüfungsstress und Lampenfieber führen bei vielen Menschen zu Lernblockaden und verringertem Erinnerungsvermögen. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München haben nun einen Stresshormon-unabhängigen Mechanismus für diese Lerndefizite entdeckt. In Tierstudien zeigen die Forscher, dass sozialer Stress die Mengen an Homer-1 im Hippocampus verringert - einer für Lernen zentralen Hirnregion. Dieser spezifische Proteinmangel führt zu einer veränderten Nervenzellaktivität, in deren Folge die Tiere schlechter lernen. Experimentell lässt sich das Lerndefizit durch zusätzliche Homer-1-Mengen verhindern, was dieses Protein zu einem Schlüsselmolekül für die Entwicklung von Medikamenten gegen stressbedingte Lernschwäche macht.

 

 

Klaus Wagner, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, hat das Lernverhalten von Mäusen untersucht, nachdem diese stark gestresst wurden. Er setzte die Tiere sozialem Stress aus – einer Belastung, die auch Menschen heutzutage oft empfinden. Eine männliche Maus wurde dabei für fünf Minuten in den Käfig eines aggressiven Artgenossen gesetzt, der diesen „Eindringling“ mit Attacken und Angriffen zu vertreiben versuchte. Anders als in freier Natur konnte die Testmaus nicht aus dem Käfig fliehen und stand unter starkem Stress, wie Messungen der Stresshormone im Blut nachwiesen.

 

 

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Abbildungslegende: Die schwarze Maus wird als Eindringling in das Territorium der weißen Maus von dieser durch aggressives Verhalten unter sozialen Stress gesetzt.

 

Nach acht Stunden, in denen sich das Tier in seinem eigenen Käfig erholen konnte, wurde dessen Verhalten untersucht. Während Motivation, Aktivität und Sinnesfunktionen der Maus zu diesem Zeitpunkt nicht beeinträchtigt waren, traten in ihrem Lernverhalten deutliche Einbußen auf. Eine einzige fünf-minütige soziale Stresssituation hatte also genügt, um das Tier Stunden später schlechter lernen zu lassen.

 

Die Forscher am Max-Planck-Institut versuchten nun herauszufinden, welche Mechanismen für diese Lerndefizite verantwortlich sind. Sie identifizierten das Protein Homer-1, dessen Konzentration spezifisch im Hippocampus nach Stress abnimmt. Interessanterweise löst eine Stresshormonerhöhung ohne eigentliche Stresserfahrung weder die beobachtete Lernschwäche noch die Konzentrationsänderungen von Homer-1 im Gehirn aus. Damit zeigen die Forscher, dass einwirkender Stress weitere - Stresshormon unabhängige - Regulationssysteme aktiviert. So moduliert das Protein Homer-1 im Zusammenspiel mit dem neuronalen Botenstoff Glutamat und dessen Rezeptor die Kommunikation an den Synapsen der Nervenzellen. Verringert sich nach Stress die Menge an Homer-1 im Hippocampus, ist die natürliche Rezeptoraktivität empfindlich gestört und die Lernfähigkeit nimmt ab. Diesen Effekt konnten die Forscher verhindern, indem sie die Homer-1-Konzentration wieder erhöhten.

 

Mathias Schmidt, Arbeitsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, interpretiert die Ergebnisse wie folgt: „Mit unserer Studie haben wir eine von Stresshormonen weitgehend unabhängige Regulation der durch Glutamat vermittelten Kommunikation im Hippocampus nachgewiesen, die das Lernverhalten direkt reguliert. Das Molekül Homer-1 nimmt in diesem Prozess eine Schlüsselposition ein, die uns zukünftig hoffentlich neue Möglichkeiten der gezielten pharmakologischen Intervention erlaubt, um stressbedingte Lerndefizite zu vermeiden.“

 

 

Originalveröffentlichung:

Klaus V. Wagner, Jakob Hartmann, Katharina Mangold, Xiao-Dong Wang, Christiana Labermaier, Claudia Liebl, Miriam Wolf, Nils C. Gassen, Florian Holsboer, Theo Rein, Marianne B. Müller, Mathias V. Schmidt

Homer1 mediates acute stress-induced cognitive deficits in the dorsal hippocampus

Journal of Neuroscience, 2013 February 27, JN-RM-4333-12; article no. zns-3390

 

 

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Barbara Meyer

Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Tel.: 089 30622-616

Fax: 089 30622-348

Email: bmeyer[a]mpipsykl.mpg.de


Datum der Pressemitteilung: 26.02.2013