MPG   Logo Psychiatrie

 

Lernen depressive Menschen schlechter?

Neueste Studien offenbaren unterschiedliche Effekte auf das Lernen und die Gedächtnisbildung bei erkrankten Patienten

 

Seit langem ist bekannt, dass Patienten mit Depression Schwierigkeiten haben, neues Wissen zu erlernen, wie z.B. das Merken von Wortpaaren. Bei der Testung dieses so genannten deklarativen Gedächtnisses schneiden sie schlechter ab als gesunde Probanden. Andererseits zeigen ihre motorischen Lernfähigkeiten und ihr sensomotorisches Gedächtnis von Handlungsabfolgen keine Beeinträchtigung. So erlernen Depressive mit vergleichbarer Schnelligkeit wie Gesunde, eine spezifische Abfolge von Nummern auf einer Computertastatur zu tippen.

Damit Erlerntes langfristig in unserem Gedächtnis verankert wird, ist jedoch der so genannte Konsolidierungsprozess während des Schlafes von entscheidender Bedeutung. In dieser Phase werden neuronale Verbindungen so verändert, dass Erlerntes effizienter und auch dauerhaft abgerufen werden kann. 

 

In der nun vorgestellten Studie konnten die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie aufzeigen, dass depressive Patienten auch bei der Verfestigung neuer Lerninhalte nachweisbare Defizite aufweisen. Die zuvor erlernten motorischen Fähigkeiten konnten von den depressiven Patienten am zweiten Tag der Testung deutlich schlechter abgerufen werden als von den gesunden Probanden.

 

 

pr0310

 

 

Abbildungslegende: Darstellung der prozentualen Änderung beim Test des prozeduralen Gedächtnisses. Im Test lernt die Person, die Sequenz von fünf Nummern in der Abfolge: 4-1-3-2-4 innerhalb von 30 Sekunden so häufig wie möglich korrekt auf einer Computertastatur einzutippen. Dieses Training erfolgt am ersten Tag 12mal hintereinander mit jeweils einer 20-sekündigen Pause. Im linken Grafikbereich wird dargestellt, welche prozentuale Zunahme in der Fingerfertigkeit im Verhältnis der anfänglichen zur letzten Testsequenz erfolgte. Depressive Patienten zeigen eine genauso gute Verbesserung, also psychomotorisches Lernen, wie gesunde Probanden oder remittierte Patienten.

Nach einer erholsamen Nachtruhe mit Schlaf zeigt die nun nur drei Sequenzen dauernde Testung bei Gesunden wie auch bei erfolgreich therapierten Patienten eine weitere Leistungssteigerung im Vergleich zum Ergebnis des vorangegangenen Tages (rechter Grafikbereich). Die depressiven Patienten hingegen können nicht an ihre Leistung vom Vortag anknüpfen, sondern zeigen einen Abfall ihrer Fingerfertigkeit. Ihr prozedurales Gedächtnis konnte sich nicht konsolidieren.

 

 
Die Depression wirkt sich also negativ auf das Lernen neuer Wissensinhalte, Assoziationen und Bedeutungen aus, während das Erwerben motorischer Fertigkeiten zunächst unverändert bleibt. Die Verankerung des prozeduralen Gedächtnisses während des Nachtschlafs ist jedoch gestört, so dass die Patienten Defizite aufweisen, ihre erlernten motorischen Fertigkeiten erneut zum Einsatz zu bringen.

Martin Dresler, Psychologe in der Arbeitsgruppe Schlafendokrinologie, erklärt diese neuen Ergebnisse wie folgt: "Unsere Ergebnisse stimmen mit Untersuchungen zu den anatomischen Grundlagen prozeduraler Gedächtnisprozesse im Gehirn überein. Ihnen zufolge ist das Kleinhirn in der anfänglichen Phase schnellen Lernens stark aktiv, während zentrale Gehirnareale (Striatum) vor allem an der längerfristigen Speicherung von bereits trainierten Fertigkeiten beteiligt sind. Genau dieses Areal weist bei vielen depressiven Patienten eine Verkleinerung auf, welche vermutlich durch pathologisch erhöhte Stresshormone bei den Patienten ausgelöst wird.“

 

Glücklicherweise scheinen diese Veränderungen und einsetzenden Einbußen im prozeduralen Gedächtnis nicht von Dauer zu sein: Von der Depression remittierte Patienten zeigten in der Studie nächtliche Zuwächse ihrer motorischen Fertigkeiten, die nahezu denen gesunder Probanden entsprachen.

 

 

Originalveröffentlichung:

Martin Dresler , Michael Kluge, Lisa Genzel, Petra Schüssler, Axel Steiger

Impaired off-line memory consolidation in depression

European Neuropsychopharmacology, 1. März 2010; vorgezogene Online Publikation: PMID: 20199853

 

 

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Barbara Meyer

Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Tel.: 089 30622-616

Fax: 089 30622-348

Email: bmeyer[a]mpipsykl.mpg.de


Datum der Pressemitteilung: 18.03.2010