MPG   Logo Psychiatrie

 

Early Developmental Stages of Psychopathology (EDSP) Studie

Prospektiv-longitudinale Studien an Allgemeinbevölkerungsstichproben sind essentiell für eine unverzerrte Charakterisierung der Verbreitung und Entwicklung psychischer Störungen. Ein umfassendes Wissen darüber stellt wiederum die Grundvoraussetzung für die Identifikation von Risikofaktoren dieser Störungen und für das Verständnis ihrer Ätiologie dar. Daten mit diesem Potential liefert die Early Developmental Stages of Psychopathology (EDSP) Studie auf Basis einer repräsentativen Stichprobe, die 1994 per Zufallsprinzip aus dem Einwohnermelderegister in München gezogen wurde. Unter Anwendung des standardisierten und computerisierten Munich- Composite- International- Diagnostic Interviews (M-CIDI), das psychische Störungen anhand der DSM-IV-Kriterien erfasst, wurden 3021 Teilnehmer im Alter zwischen 14 und 24 Jahren zur Basisuntersuchung befragt (T0: 1995; Ausschöpfung: 71%). Mittlerweile wurden drei Folgeuntersuchungen durchgeführt, die einen Follow-up-Zeitraum von 10 Jahren abdecken (T1: 1996/1997, Ausschöpfung: 88%; T2: 1998/99, Ausschöpfung: 83%). Im November 2005 wurde die dritte und bisher letzte Folgeuntersuchung (T3) mit 2210 Interviews abgeschlossen (Ausschöpfung T0-T3: 73%).

 



Fig. 1: Design der Early Developmental Stages of Psychopathology (EDSP) Studie

 

Der umfangreiche Datensatz der EDSP liefert Informationen über Prävalenz, Inzidenz, psychopathologische Charakteristika, die Entwicklung und die Komorbidität psychischer Störungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die höchsten Lebenszeitprävalenzen wurden dabei beispielsweise für Substanzstörungen (17.7%) gefunden, gefolgt von Affektiven Störungen (16.8%) und Angststörungen (14.4%). Die ersten Ergebnisse der dritten Folgeuntersuchung (T3) 10 Jahre später zeigen für alle drei Störungsgruppen stark angestiegene Raten (Substanzstörungen: 46.9%, Affektive Störungen: 31.9%; Angststörungen: 30.0%).

Des Weiteren wurde eine breite Palette von Risikofaktoren identifiziert, die eine Rolle für die Entwicklung von verschiedenen psychischen Störungen spielen. Beispielsweise zeigte sich, dass Trennungsangst in der Kindheit mit einem deutlich erhöhten Risiko für die Entstehung von verschiedenen späteren psychischen Störungen unter anderem Panikstörung (HR=18.1), Bipolare Störungen (HR=7.7) und Alkoholabhängigkeit (HR= 4.2) (Brückl et al., in press) einhergeht.

 

Das hauptsächliche Ziel künftiger Forschungsarbeiten unserer Arbeitsgruppe wird die Entwicklung von Ätiologiemodellen sein, die unter Berücksichtigung des Zusammenspiels von Umweltfaktoren und genetischen Faktoren beschreiben, welche Entwicklungspfade in die Psychopathologie (insbesondere Depressionen und Angststörungen) führen. Dabei soll ein kombinierter Ansatz aus Molekulargenetik und Analytischer Epidemiologie verwendet werden.

Im Rahmen eines molekulargenetischen Teilprojekts der Studie, wurden alle Teilnehmer der dritten Nachfolgeuntersuchung sowie ihre erstgradigen Familienangehörigen um die Abgabe eine DNA-Probe für die Genotypisierung gebeten. Diese Studienkomponente befindet sich derzeit noch in der Durchführungsphase.

Unsere Analysen familiärer Aggregationsmuster weisen daraufhin, dass genetische Faktoren einen erheblichen Anteil an der Entstehung von Affektiven Störungen in einem frühen Lebensalter haben (e.g., Lieb et al., 2002). Zudem konnte speziell für MDD eine familiäre Aggregation von spezifischen Merkmalen wie zum Beispiel Melancholie, Schweregrad und Beeinträchtigung nachgewiesen werden. Diese Ergebnisse deuten möglicherweise an, dass sich bestimmte Störungssubtypen besonders gut zur Identifizierung genetischer Faktoren eignen.

 



Fig. 2: Klinische Charakteristika von Müttern und deren Kindern mit einer Major Depression (Schreier et al., 2006)

 

Um grundlegende Risikofaktoren für die Entwicklung von Depression und Angststörungen zu identifizieren, werden wir familienbasierte Assoziationsanalysen an sogenannten „Tripeln“, bestehend aus der DNA betroffener Indexprobanden und deren Eltern, durchführen. Dabei werden neben den genetischen Daten auch Informationen über psychosoziale Umweltrisikofaktoren einbezogen.

Die EDSP mit ihrem longitudinalen Design über 10 Jahre hinweg bietet eine einmalige Datengrundlage für die Identifikation von genetischen sowie umweltbezogenen Risikofaktoren und darüber hinaus für die Untersuchung von Gen-Umwelt- Interaktionen, die für die Entstehung psychischer Störungen eine Rolle spielen.


(Das Projekt wird finanziell unterstützt durch das  BMBF)

 

Beteiligte Arbeitsgruppen:

linkWebsiteAG Marcus Ising

linkWebsiteAG Bertram Müller-Myhsok

linkWebsiteAG Manfred Uhr

linkWebsiteHans-Ulrich Wittchen, Klinische Psychologie und Psychotherapie, TU Dresden

linkWebsiteRoselind Lieb, Epidemiologie und Gesundheitspsychologie, Universität Basel, Schweiz

 

Publikationen:

Brueckl T.M., Zimmermann P., Schreier, A., Höfler M., Wittchen H.-U. & Lieb R. (submitted) The interplay of maternal psychopathology and separation anxiety for the development of subsequent mental disorders. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry

 

Nocon A., Wittchen H.-U. et al. (submitted) Differential familial liability of panic disorder and agoraphobia. Depression and Anxiety

 

Zimmermann P., Brückl T., Lieb R., Beesdo K., Ising M. & Wittchen H.-U. (in press) The interplay of familial depression liability and adverse life events in predicting the first onset of depression during a ten-year follow-up. Biological Psychiatry

 

Schreier A., Höfler M., Wittchen H. U., & Lieb R. (2006) Clinical characteristics of major depressive disorder run in families - a community study of 933 mothers and their children. Journal of Psychiatric Research, 40(4), 283-292

 

Lieb R., Isensee B., Höfler M., Pfister H., & Wittchen H.-U. (2002) Parental major depression and the risk of depression and other mental disorders in offspring. A prospective-longitudinal community study. Archives of General Psychiatry, 59(4), 365-374

 

Lieb R., Isensee B., von Sydow K. & Wittchen H.-U. (2000) The Early Developmental Stages of Psychopathology Study (EDSP): A methodological update. European Addiction Research, 6 (4), 170-182